Die Flüchtigkeit der Stimme.
Die Sichtbarkeit ihrer Spur in der Zeichnung.

Joseph Beuys
[Maja Naef "Joseph Beuys. Zeichnung und Stimme", Wilhelm Fink Verlag, München, 2011]


I start with one drawing on the first day, two drawings on the second, three on the third, 24 drawings on day 24, which makes 300 drawings at the end. Once I have done my work, I leave, so that the space is free for the view of the visitors. It is the beauty of the empty space, be left to oneself. During weeks one and two Gabriele Hasler is only heard, loudly, vigorously, sonorously; every day it is another play with her enormous voice and her sound equipment. It differs day by day, it is becoming more and more quiet.

I draw with my back to the visitors. This creates a safe space for me while I am working, a neutral projection surface for the visitors. It's not about me as a person. It is about the drawing, the drawing itself. Graphite on paper creates the baseline. With every day passing, I draw "louder", more intensively, more powerful. Every week has different principles.

In week 1, there is one drawing in one line.
The drawings remain hidden from the visitors.

In week 2, it is the drawing sheet on leaf. On the back of the leaves, first traces shine through. To the graphite pencil text highlighter is added, also pencils in different degrees of hardness. I draw with eraser.

In week 3 the tide turns. The drawings can be seen now. Linseed oil is added, odorless. Partly the sheets become translucent, they breathe.

In week 4, there is the drawing recto-verso. It remains the play between translucence and opacity. I now use intensely fragrant linseed oil, white oil pastels on Monday, then Naples yellow on Tuesday, cadmium orange, red, blue and black. The light becomes brighter with each day passing. The room begins to glow.





Ich beginne mit einer Zeichnung an Tag 1, zwei Zeichnungen sind es an Tag 2, an Tag 24 insgesamt 300. Wenn ich meine Arbeit getan habe, gehe ich hinaus, gebe den Raum frei für die Betrachtung der Besucher.
Es ist die Schönheit des leeren Raumes, ein sich selbst überlassen sein. In Woche 1 und 2 ist Gabriele Hasler allein zu hören; lautstark, kräftig, volltönend, mit jedem Tag ein anderes Spiel ihrer Stimme und Klanggeräte. Mit jedem Tag anders, leiser werdend.

Ich zeichne mit dem Rücken zu den Besuchern. Schaffe mir einen geschützten Raum zum Arbeiten, den Besuchern eine neutrale Projektionsfläche.
Es geht nicht um mich als Person. Es geht um das Zeichnen, die Zeichen-Figur.
Graphit auf Papier gibt den Grundton. Mit jedem Tag zeichne ich "lauter", intensiver, kräftiger. Jede Woche hat andere Grundgedanken.

In Woche 1 ist es eine Zeichnung in einem Strich.
Die Zeichnung bleibt den Besuchern verborgen.

In Woche 2 ist es die Zeichnung Blatt auf Blatt. Auf den Rückseiten der Blätter scheinen erste Spuren durch. Zum Graphitstift kommen Textmarker hinzu, Bleistifte in verschiedenen Härtegraden Ich zeichne mit Radiergummi.

In Woche 3 wendet sich das Blatt. Die Zeichnungen sind jetzt zu sehen. Leinöl, kommt hinzu, geruchsneutral. Die Blätter werden transluzent, sie atmen.

In Woche 4 ist es die Zeichnung recto-verso.
Es bleibt das Spiel zwischen Transluzenz und Opazität. Ich verwende nun intensiv duftendes Leinöl, weiße Ölkreide am Montag, dann Neapelgelb, Kadmium-Orange, Rot, Blau und Schwarz. Das Licht wird mit jedem Tag heller. Der Raum beginnt zu glühen.





7.10.2014  
Tag 2
5 Besucher, 2 Zeichnungen | unterschiedlich lang
wir hänge ich die Zeichnungen?
wie ist mein Ende?
das letzte Blatt hänge ich auf, dann gehe ich
keine Signatur
Stempel, danach, nach dem 1.11.

ein verrückter Abend
wie ziehe ich die Grenze zwischen
Privatheit + Performance, Öffentlichkeit

Intimität der Zeichnung


10.10. 2014  Tag 5  

Stille und Eindringlichkeit

Ich muss | möchte mich abgrenzen, dennoch (für mich)
offen bleiben, aufmerksam.

Reduziert a.d. Zeichenstift
ob ich das bleibe, weiß ich heute nicht.

Graphit, Wasser, Leinöl, Ölfarbe, Graphit, Spucke, Kreide, Graphit

Gestern Abend nach der Performance, die ganze Nacht beinahe, hindurch --- reicht es?

Stimmt das, was ich tue?

Wie bekomme ich einen guten Umgang hin mit dem Zeichnen, der Intimität des Zeichnens und den Besuchern in meinem Rücken?

Wie mit den Erwartungen an ein virtuoses, fulminantes expressives "Vor-Zeichnen“?
Ich bin kein Äffchen.
Mir geht es um das Zeichnen, die Zeichnung.
Mir geht es um die Figur, die entsteht im Zwischenraum
in der Leere,
der Gedanke, der im nicht Sichtbaren sichtbar werden kann.
Eine Zeichnung, ein Gedanke darin, Linien, Schwärzen, Tiefen, die auftauchen
Ich muß die Spannung (aus)halten.
Ein Abend, eine Performance, der nächste Abend. ...

...

tja |  tjatja

...


Gehirne, Nüsse, zu fett zum Denken





11.10.2014  Tag 6

Gestern war ein besonderer Abend. Break.
Gabriele und ich. Keine Besucher. Es war befreiend, ich konnte
langsam zeichnen. ruhiger. Um den Tisch herum gehen
Gehen     Töne | Laute von mir geben.
gelber Marker kam ins’ Spiel, wir haben viel gelacht.
Auf Wiedersehen, kommen Sie gut nach Hause.
Lachen









13.10.2014  Tag 7
Der Ort des Zeichnens ist ein beweglicher Zwischenraum.
Die Beweglichkeit ist ungerichtet und ortlos.
Resonanzraum für ein zeichnerisches Ereignnis.
[aus Maja Naef "Joseph Beuys. Zeichnung und Stimme", Wilhelm Fink Verlag, München, 2011]


14.10.2014  Tag 8
Ein Spiel mit laut + leise   sichtbar + unsichtbar

(hin)Hören (hin)Sehen

was ich sehe, kann ich nicht hören
und was ich höre, kann ich nicht sehen








20.10.2014  Tag 13

12 Uhr   Fototermin mit Jasmin  
heute kommt Leinöl ins’ Spiel
das Papier wird durchscheinend, transluzent
Freue mich auf diese neue andere Arbeitsweise.
Habe Respekt vor dem Zeigen. In den ersten beiden Wochen kamen die Besucher in / mit der Erwartung, Zeichnung zu sehen.
Gesehen haben sie mich beim Zeichnen; das Zeichnen haben
sie nicht gesehen, allein zunehmend gehört.
Die Blätter nur von hinten mit Spuren / "durch"gezeichnetem in der 2. Woche.

Nun, in der 3. Woche verschwinde ich mehr + mehr hinter den
Blättern. Das Zeichnen bleibt hörbar aber ist nicht mehr zu sehen.
Allein meine ‘Beinarbeit’, meine Füße, mein ‘Tänzeln’.
Aber, nun sind Zeichnungen zu sehen, direkt.
Aber, nun werden die Besucher enttäuscht sein, dass sie mich
beim Zeichnen gar nicht mehr sehen können ...
also dies ist auch eine Arbeit
über Erwartungen + Enttäuschungen
+ Unvorhergesehenes +
Überraschungen + Zufälle
+ Glücksfälle + -momente
+ Lachen       
                                                                                                           
    
tja,

Transluzenz
= auch Erweiterung
des Resonanzraumes
auch des Blickfeldes


Das, was ich nicht sehe, kann ich erkennen.


Leere ist wichtig, die Projektionsfläche der Rückenfigur, gibt Distanz,
Raum für eigene Bilder.
Was wird geschehen, wenn der Raum sich sichtbar mit Zeichnungen füllt?
Was sehen die Besucher dann noch?
Werden sie erschlagen von meinen eigenen Bildern?





28.10.2014  Tag 20

Die Verstehenserwartungen der Besucher werden nicht erfüllt, erfüllen sich.
Konsumgewohnheiten, Wahrnehmungsgewohnheiten werden deutlich.
Die Möglichkeit der Konfrontation ist gegeben. Angebote zum (hin)Sehen und (hin)Hören.
Es bleibt ein Spiel zwischen Erwartung, Hoffnung, wünschen, Enttäuschung und Erfüllung; Projektion. Improvisation. Geheimnis. Grenze.

ausgesetzt sein

Wichtig ist mir nicht, zu zeigen, was ich kann, wie beholfen oder unbeholfen, virtuos, genial oder ungelenk ich zeichnen kann.
Wichtig ist mir das Zeichnen an sich. Ich zeichne.

Ich zeichne im Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Intimität.

Auch das Alltägliche, in Form der alltäglichen Klanggeräte, der Wäscheklammern spielt mit.

Das Geheimnsivolle ist wichtig. Die Poesie dieser Arbeit.

 ... ‘wir sehen ja gar nicht, was Sie zeichnen’ / ‘Ich würde gerne sehen, wie sie diesen einen Klang umsetzen’ / ‘Wer gibt wem die Impulse’ / ‘Wer interpretiert wen’ ...

keine keine ...





Wir arbeiten beide unabhängig voneinander, in unserem Modus, konzentriert, intensiv, immer auch im Lauschmodus, aufeinander hörend und achtend.

Die Verstehenserwartung der Besucher wird nicht erfüllt.

Ich bin kein Artist, I am an artist.

Erst ab Woche drei wendet sich das Blatt, die Zeichnungen sind nun zu sehen. Erwartungen erfüllen sich und werden weiterhin enttäuscht. immer beides. immer alles.

Die Schönheit der Leere. Die Schönheit der Fülle.

Der Raum wird dichter. Nicht mehr die Schönheit der Leere, jetzt drängen sich die Zeichnungen zusehends. Nun ist es die Schönheit der Fülle. Meine Bilder füllen nun den Raum. Schade für all die, die den Raum nicht in seiner Leere erleben konnten.

Obwohl ich mit jedem Tag mehr Zeichnungen zu zeichnen habe, zeichne ich mit größerer Ruhe. Es reicht. Ich habe alle Zeit der Welt. Es ist alles da.

Ich kann in die Zeichnung hineingehen.

In Woche eins, eine Zeichnung in einem Strich. Ich hänge das Blatt mit der Rückseite zu den Besuchern und gehe aus dem Raum, sobald ich meine Arbeit getan habe. Gabriele gibt im Nebenraum alles. Für die Besucher nicht sichtbar, allein zu hören, manchmal so laut und schrill und wunderbar voll und satt, dass die Ohren klirren, alles schäppert und es zerreisst, es reißt mich fort.
Ich mag ihre volle klare Stimme; kann dahin gehen.








In Woche zwei, Blatt auf Blatt, eine Zeichnung setzt sich in der nächstfolgenden fort. Zarte Spuren auf den Rückseiten. Zum Graphitstift kommen farbige Textmarker, zitrone, orange; ich zeichne mit Radiergummi. Bleistifte in verschiedenen Härtegraden, H, HB, B, 2B, 4B , 6B, 8B.
Ich spucke auf das Blatt.

Am Tag danach komponiere ich die Blätter neu, hänge sie mit Wäscheklammern auf die gespannten, roten Maurerschnüre.
Gabriele wird mit jedem Tag leiser aber sichtbarer. Sie hat ihre Werkzeuge verändert. Als sie zum ersten mal in den Raum kommt, wir beide dort zusammen arbeiten, das ist ein besondere Moment. Fast heilig.

Dann der Abend, an dem wir ohne Besucher gearbeitet haben. Konzentriert, los gelöst, wir haben uns frei gespielt an diesem Abend auch miteinander. Lachen, LACHEN!



In Woche drei arbeite ich mit Leinöl, neutral, ohne Geruch; das Papier wird dadurch transluzent. Die Blätter fangen an zu atmen. Ich gehe mit weißer Kreide hinein. Mein Tagespensum zeichne ich auf den Blättern der vorhergehenden Tage dieser Woche. Die letzte Zeichnung wird so die erste dieser Woche mit prägen. Es zeichnet durch.








In Woche vier erhöhe ich mein zu zeichnendes Pensum. Ich arbeite recto-verso, zeichne Vorder- und Rückseiten. Es folgen auf weiße Kreide, Neapelgelb, Orange, Rot, Blau, Schwarz. Das Leinöl duftet nun.
Doppeltes Pensum, immer noch Blatt auf Blatt. Die Zeit wird knapper, es reicht  dennoch. Ich zeichne in Ruhe, wild, bewegt, konzentriert in meinem Modus, Gabriele hörend, die Besucher ahnend. Das Licht wird heller, die Luft wärmer, ich tanze.













Kaum hörbar an Tag 24, das letzte Wort ihrer Litanei,  gezwungene ... ich zeichne, weiter, mein letzter Strich, Zitrone liegt in der Lufr, es flirrt ... ich stehe, ich horche, öffne das Fenster, die Stadt dringt herein, kein Wind weht





3.11. 2014   
Zeichnen     ... ein seismographisches Aufzeichnungsmedium von unmittelbaren inneren Umwälzungen im Sinne einer Archäologie des Unbewußten.

[aus Maja Naef "Joseph Beuys. Zeichnung und Stimme", Wilhelm Fink Verlag, München, 2011]

Gunhild Tuschen

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